Im Rahmen einer Presse-Konferenz im Haus der Kirche stellte der Pfarrerinnen- und Pfarrerausschuss (PA) der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck am 16. Oktober 2003 erste Ergebnisse seiner Befragung zum Pfarrberuf der Öffentlichkeit vor.
Das steigende Maß an Verwaltungstätigkeiten in den Pfarrämtern nimmt den
kurhessischen Pfarrer/innen Zeit und Energie, die sie lieber für Seelsorge,
Gottesdienste und die Leitung der Gemeinden verwenden würden. Diese Kerntätigkeiten
im Pfarrberuf stehen ungebrochen im Zentrum der pfarramtlichen Tätigkeiten.
Ihnen wird von den Geistlichen die größte Bedeutung beigemessen.
Die Kerntätigkeiten des Pfarrberufs (Seelsorge, Gottesdienst, Unterricht und
Leitung der Gemeinden) werden auch als Themenwünsche für Fort- und
Weiterbildungen angegeben. Die kurhessischen Pfarrerinnen und Pfarrer sind trotz
geringer Aussichten auf Aufstiegschancen oder den Wechsel auf attraktivere
Stellen hoch motiviert, sich beruflich weiter zu qualifizieren, um ihren Beruf
noch besser ausüben zu können.
Die geplante Tiefenauswertung der Studie soll im Laufe des nächsten Jahres
genauere Schlüsse auf ein Kompetenzprofil im Pfarrberuf geben. In der Bewertung
des Pfarrhauses ist die deutlichste Abkehr von den traditionellen Leitbildern
zum Pfarrberuf festzustellen. Hier liegt ein relativ hohes
Unzufriedenheitspotenzial. Das ergab eine Befragung aller Pfarrerinnen und
Pfarrer in der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, die vom PA in Auftrag
gegeben wurde.
„Die hohe Rücklaufquote von fast 60% aller Pfarrerinnen und Pfarrer zeigt uns, dass wir mit der Befragung den Nerv getroffen haben.“, fasste Andreas Rohnke, Vorsitzender des PA, seinen Dank an seine Berufkollegen/innen zusammen. Auch inhaltlich sei die Studie ein voller Erfolg. So könne man schon jetzt konkrete Aussagen zu einzelnen Fragestellungen machen und Aufträge für die Vertretungsarbeit des PA aus den Ergebnissen herleiten.
Eine der wichtigsten Aufgaben sieht die Pfarrvertretung danach in der Verbesserung der Bedingungen im Bereich der Pfarrhäuser. Über 90% der Befragten sprechen sich hier für eine Präsenzpflicht (=Pflicht zum Wohnen innerhalb der Gemeinde) aus, nur noch 6% für die Residenzpflicht (=Pflicht zum Wohnen im Pfarrhaus). Für dreiviertel der Pfarrerinnen und Pfarrer sollte es möglich sein, dass Gemeindepfarrer/innen auch in einer anderen Wohnung als dem Pfarrhaus wohnen können.
„Das ist ein deutliches Warnsignal dafür, dass man hier etwas tun muss, will
man an der Tradition des Protestantischen Pfarrhauses festhalten.“, so die
Mitglieder des PA einhellig. Die Residenzpflicht sei langfristig nur zu halten,
wenn man die Rahmenbedingungen für das Wohnen im Pfarrhaus deutlich verbessere.
Neben einem finanziellen Ausgleich für steuerrechtlich bedingte Einbußen der
Pfarrfamilien (steuerlicher Mietwert, Renovierungspauschale) werde eine klarere
Trennung von Amtsbereich und Wohnbereich der Pfarrfamilie von einem hohen
Prozentsatz der Befragten gefordert.
Die Alternative sei, dass man sich von diesem Leitbild verabschiedet und im
Hinblick auf die Residenzpflicht nach anderen Modellen sucht.
Für den Bereich der Aus-, Fort- und Weiterbildung lässt sich aus den Ergebnissen der Studie ein Kernbedarf bestimmter Themen und Fragestellungen ableiten. Neben den zentralen Themenfeldern Seelsorge und Gottesdienst werden hier vor allem Qualifizierungen im Bereich der Leitung und Verwaltung sowie der Kommunikation nachgefragt.
Als Motive für die hohe Fortbildungsbereitschaft der Pfarrerinnen und Pfarrer
werden vorrangig „persönliche Weiterentwicklung“ und „berufliche
Qualifikation“ genannt. Die wenigsten Befragten verbinden die Teilnahme an
Fortbildungen mit der persönlichen Karriereplanung.
„Hier sind die Kolleginnen und Kollegen ganz realistisch. Möglichkeiten zum
beruflichen Aufstieg gibt es in unserer Kirche kaum.“ , erläutert Rohnke. Das
könne aber auf Dauer zum Problem werden. Daher sei es hilfreich, auch in der
EKKW den Bereich Personalentwicklung zu stärken. Auf diese Weise könne die
hohe Bereitschaft zur Fortbildung erhalten werden.
Der PA steht nun vor der Aufgabe, die vorliegenden Daten im Rahmen einer Tiefenauswertung noch eingehender zu untersuchen. Hier zeige sich dann erst das ganze Potenzial, das in dieser Studie stecke. Man erwartet als Ergebnis ein Kompetenzprofil des Pfarrberufs, um damit einen weiter gehenden Beitrag in der Leitbilddiskussion zum Pfarrberuf leisten zu können. Die Befragung, die methodisch als „Wichtigkeitsanalyse“ angelegt ist und nach der Relevanz von Leitbildern fragt, bietet hier sehr breit angelegte öglichkeiten zur Auswertung der Daten.
Inzwischen ist eine Tiefenauswertung abgeschlossen. Die Dokumentation wird alsbald veröffentlicht. Eine Zusammenfassung finden Sie bei den folgenden Downloads. Weitere Informationen erhalten Sie bei Andreas Rohnke (Vorsitzender des Pfarrerausschusses, Andreas.Rohnke)